[…] Jan de Weryha-Wysoczańskis
Biographie spiegelt etwas von der wechselvollen Beziehung zwischen
Deutschland und Polen. Geboren in Danzig, übersiedelte er
im Alter von 31 Jahren zu Zeiten der Solidarnosc-Bewegung nach
Hamburg und trat dem BBK bei. Ein Ortswechsel wie dieser war damals
ja zugleich ein Wechsel von einem politischen System ins andere,
von einer Weltanschauung in die entgegen gesetzte, und er dürfte
nicht spurlos an dem Menschen und Künstler vorbeigegangen
sein.
Künstlerisch ist der prägende
Einfluss der amerikanischen Minimal Art, besonders der frühen
Skulpturen von Carl Andre aus den 60er Jahren, unübersehbar.
Es ist die Verwandtschaft im gestalterischen Denken, die beide
Künstler verbindet.
Carl Andre denkt struktural und bemüht
sich konsequent um die Rückführung auf Primärstrukturen.
Er will weg von der durch den Künstler erfundenen Form, um
erst recht weg von der kompositorischen Hierarchie und künstlerisch-individuellen
Handschrift. Oder, wie Sol LeWitt formulierte: „Die Form
selbst ist von sehr begrenzter Bedeutung, sie wird zur Grammatik
der gesamten Arbeit.“
Auf den ersten Blick möchte
man Jan de Weryha als späten europäischen Vertreter
der Minimal Art bezeichnen. Doch schauen wir genauer hin, dann
wird deutlich, dass Jan de Weryha dann doch Ansprüche hat,
die denen der Minimal Art extrem entgegenstehen. Bei ihm stehen
die Natur und die natürliche Beschaffenheit des Materials
im Mittelpunkt seines Schaffens. Die natürlichen Vorgaben
treffen bei ihm mit dem rationalen Gestaltungswillen zusammen.
Die reine Form der Minimal Art wird von ihm in zweierlei Hinsicht
wieder aufgeladen. Zum einen vermeidet er nicht die individuellen
Bearbeitungsspuren des Holzes durch industrielle Fertigung, sondern
stellt sie ganz in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Motorsäge,
Axt und Stechbeitel hinterlassen sehr differenzierte Oberflächen.
Außerdem liebt er es, seine durchaus minimalartigen Formationen
ganz bewusst an Grundmustern der Natur wie Ameisenhaufen, Bienennestern
oder an archaischen Konstruktionen auszurichten: Iglu, Säule,
Turm oder schlichte Stapelungen wie zum Trocknen von Hölzern
tauchen immer wieder auf.
In Jan de Weryhas Arbeiten sind die
Natur und die natürliche Beschaffenheit des Materials Ausgangspunkt
für die Entwürfe und die Gestaltungsprozesse. Seine
Arbeiten leben aus der Konfrontation von Bearbeitetem und Unbearbeiteten,
Berührten und Unberührten. Zugleich enttäuscht
er bewusst die Erwartung des Betrachters, der gewohnt ist, die
bearbeiteten Seiten einer Skulptur gegenüber der vermeintlich
unbearbeiteten Seite vorzuziehen.
… Prozesse historischer Dimension
wie die europäische Integration und die anstehende Osterweiterung
der EU setzen ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit
voraus, an Bereitschaft, aktuelle Probleme und historische Lasten,
aber auch künftige Chancen gemeinsam kreativ zu bearbeiten.
Die Kultur, die Künste und die Künstler, haben von jeher
in ihrer Bereitschaft zum Experiment, zur Grenzüberschreitung,
zur Infragestellung des Herkömmlichen, Instrumentarien entwickelt,
die für die Zusammenarbeit mit dem Anderen Modellcharakter
haben können. Und sie haben eine Sprache entwickelt, die
alle Grenzen hinter sich lässt. […]
Prof. Dr. Christina Weiss, Staatsministerin
für Kultur und Medien der Bundesrepublik Deutschland
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